Covid
iStock / Getty Images Plus / Ca-ssis

Vertrauen in die Regierung zählt

Lassen sich die Folgen von Covid-19 mit Hilfe der Politikwissenschaften erklären? Eine Gruppe von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern der Forschungsabteilung Institutionen und politische Ungleichheit untersucht den politischen und sozialen Kontext der Corona-Pandemie.

Wieso verlaufen manche Corona-Infektionen tödlich? Bei den Erklärungsversuchen dominieren demographische oder gesundheitliche Aspekte. Politisch zielt der Diskurs oft auf die Durchsetzbarkeit von Regeln und Präventivstrategien. Der Einfluss sozialer und politischer Faktoren auf die Covid-19-Sterblichkeit ist dagegen wenig untersucht. Können ökonomische Ungleichheit, sozialer Zusammenhalt oder das Durchsetzungsvermögen von Staaten die statistische Wahrscheinlichkeit einer tödlichen verlaufenden Covid-19 Erkrankung erklären?

In einem aktuellen Forschungsprojekt setzen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Forschungsabteilung Institutionen und politische Ungleichheit und der University of California in Riverside Covid-19-Sterblichkeitlichkeitsraten mit verschiedenen sozialen und politischen Ländermerkmalen in Beziehung. Hintergrund ist die Frage, ob strukturelle Faktoren, wie zum Beispiel das gesellschaftliche Ungleichheitsniveau oder die ethnische Zusammensetzung von Staaten eine Rolle spielen und welchen Einfluss politische Faktoren, etwa die Durchsetzungsfähigkeit, Repräsentativität und Responsivität von Regierungen, auf die Covid-19 Mortalität haben – unabhängig von gesundheitlichen Merkmalen oder demographischen Faktoren.

Hierfür analysiert die Gruppe Daten von 148 Staaten weltweit. Der Schwerpunkt liegt dabei auf Merkmalen der politischen und sozioökonomischen Entwicklung. Die Erhebungen zeigen, dass Unterschiede in der Sterblichkeitsrate durchaus auf politische und soziale Faktoren zurückführbar sind, und zwar unabhängig von der demographischen Zusammensetzung und dem Gesundheitszustand der Bevölkerung.

„In der Frühphase der Pandemie waren demographische und gesundheitliche Faktoren von großer Bedeutung. Nach und nach wurden jedoch das öffentliche Vertrauen in Regierung und Institutionen zu wichtigen erklärenden Faktoren“, so die Autorinnen und Autoren. Eine überraschend geringe Rolle scheinen im Moment die politischen Orientierungen einer Regierung oder das Demokratisierungsniveau zu spielen. Mit “Demokratisierungsniveau“ wird hier die Variable "liberal democracy" bezeichnet, die anzeigt, bis zu welchem Ausmaß das Ideal liberaler Demokratie verwirklicht ist.

Abgeschlossen ist das Projekt noch lange nicht. In Anbetracht der dynamischen Entwicklung müssen die verfügbaren Daten ständig neu analysiert werden. Auch müssen die Modelle weiterentwickelt und theoretische Fragen beantwortet werden. Zum Beispiel muss geklärt werden, wie sich Zahlen zur Covid-19-Mortalität am zuverlässigsten erfassen lassen. Die Homepage der Gruppe wird täglich um neue Fallzahlen aktualisiert.

 

Constantin Manuel Bosancianu, Kim Yi Dionne, Hanno Hilbig, Macartan Humphreys, Sampada KC, Nils Lieber, Alexandra Scacco: Political and Social Correlates of Covid-19 Mortality. Working Paper, Institutions and Political Inequality (11 June 2020).

--

8. September 2020

Working Paper:

 

Political and Social Correlates of Covid-19 Mortality. (aktuelle Version: 11. Juni 2020).

 

Fragestellung

Können politik- und sozialwissenschaftliche Ansätze globale Schwankungen der Covid-19 Mortalitätsrate erklären?

Erste Ergebnisse im Überblick:

- Im Laufe der Zeit wurden demographische und gesundheitliche Merkmale zur Erklärung von globalen Schwankungen der Covid-19 Mortalitätsrate unwichtiger, während die Bedeutung von öffentlichem Vertrauen in Regierung und Institutionen für die Analyse zugenommen hat.

- Eine im Vergleich dazu eher geringe Bedeutung spielen bisher das Demokratisierungsniveau und die politischen Prioritäten von Regierungen.

So geht es weiter:

Eine erneute Analyse ist für Juni 2021 geplant. Weitere Informationen sind auf dem Dashboard des Teams zu finden.

 

In einem Folgeprojekt sammelt die Gruppe Expertenmeinungen bezüglich möglicher Zusammenhänge zwischen Covid-19 Mortalität und politischen und sozialen Strukturen.

Datenqualität:

Ziel ist es, Daten für eine möglichst große Anzahl von Ländern zu verwenden. Unterschiede in der Datenqualität bestehen trotzdem, zum Beispiel bei Daten zur sozioökonomischen Ungleichheit.

 

Für die Analyse im Juni 2021 ist die Verwendung eines neuen Datentypus angedacht. Daten zur Übersterblichkeit haben den Vorteil, dass sie keine Zuordnung der Todesfälle zu Covid-19 erfordern.

 

Sofern es keine groß angelegten Katastrophen gibt, die mit dem Zeitraum der Pandemie zusammenfallen, wie z.B. ein Erdbeben oder eine Hungersnot, bietet die Messung von Übersterblichkeit im Abgleich mit historischen Durchschnittswerten eine gute Schätzung.

Die WZB Abteilung Institutionen und politische Ungleichheit untersucht die politischen Ökonomie sozialer und politischer Ungleichheit.

 

Das Team auf Twitter:

@alex_scacco | @dadakim | @maqartan | @cmbosancianu | @sampskc | @hannohilbig | @nils_lieber