Latinno Abschlussbericht

3744 demokratische Innovationen

Fünf Jahre lang widmete sich das LATINNO Projekt am WZB dem Aufbau der ersten umfassenden und systematischen Datensammlung über neue Institutionen der Bürgerbeteiligung, die sich in Lateinamerika von 1990 bis 2020 entwickelten. Zu diesen demokratischen Innovationen sammelte LATINNO Datensätze und stellte sie der Forschung zur Verfügung. Nun ist der Abschlussbericht von Koordinatorin Thamy Pogrebinschi, wissenschaftliche Mitarbeiterin der Abteilung Demokratie und Demokratisierung, erschienen.

In dem Projekt wurden 3744 demokratischen Innovationen erfasst, die sich in 18 lateinamerikanischen Ländern entwickelten. Neben den quantitativen Daten wurden auch qualitative Informationen zu jedem Fall gesammelt und ausgewertet. Im Zuge der COVID-19-Pandemie wurden darüber hinaus zwei zusätzliche Datensätze erstellt. Der erste stellt demokratische Innovationen zusammen, die sich auf kollektive Intelligenz verlassen haben, um soziale, wirtschaftliche, politische und gesundheitliche Probleme zu lösen, die durch die COVID-19-Pandemie entstanden sind. Der zweite umfasst verschiedene Arten von zivilgesellschaftlichen Reaktionen auf die Pandemie in den 18 untersuchten Ländern. Veröffentlicht wurden die Inhalte in bislang 29 Publikationen, darunter wissenschaftliche Artikel, Buchkapitel und und Meinungsbeiträge.

Im Abschlußbericht "Thirty Years of Democratic Innovations in Latin America" stützt sich LATINNO-Koordinatorin Thamy Pogrebinschi auf die Datensätze des Projekts, um elf Ergebnisse, vier Haupttrends und sechs Politikempfehlungen bezüglich demokratischer Innovationen in Lateinamerika zu präsentieren. In den Ergebnissen zeigt sie, dass Deliberation, etwa in Form von Bürger*innenversammlungen oder partizipativen Planungsverfahren, seit den 1990er Jahren das wichtigste Mittel der Bürgerbeteiligung in Lateinamerika ist, das nach 2015 aber abnimmt. Gleichzeitig steigt die digitale Partizipation, und digitale demokratische Innovationen machen insgesamt etwa ein Viertel der Fälle des Datensatzes aus. Thamy Pogrebinschi prognostiziert eine Verstärkung dieses Trends durch die Covid-19-Pandemie.

Ein weiteres wichtiges Ergebnis ist, dass die Zivilgesellschaft ihre Rolle beim Schaffen demokratischer Innovationen ausgebaut hat, während die tragende Rolle der Regierungen seit 2016 zunehmend nachlässt. Darauf aufbauend empfiehlt sie unter anderem, dass es angesichts der zunehmenden Herausforderung der Demokratie durch die Wahl autoritärer Regierungen und den Vormarsch konservativer Kräfte in ganz Lateinamerika entscheidend ist, demokratische Innovationen gesetzlich zu institutionalisieren und sicherzustellen, dass ihre Entscheidungen verbindlich sind. Sie fügt hinzu, dass dieser Prozess der Institutionalisierung auch Regeln beinhalten sollte, die verhindern, dass demokratische Innovationen von Regierungen kooptiert und von politischen Parteien missbraucht werden.

5.7.2021

 

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LATINNO team

Teambild mit Mitgliedern des LATINNO Projekts

Pogrebinschi, Thamy (2021) "Thirty Years of Democratic Innovations in Latin America". WZB Berlin.