Längst überfällig

Die Weiterentwicklung der Militärseelsorge

Mit dem gerade veröffentlichten Tagesbefehl zur Weiterentwicklung der Militärseelsorge vollzieht Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen einen lange überfälligen Schritt, erklärt Ines Michalowski, wissenschaftliche Mitarbeiterin der Abteilung Migration, Integration und Transnationalisierung, die sich in ihrer Forschungsarbeit mit der religiösen Vielfalt beim Militär beschäftigt.

Schon 2012 berichtete der damalige Wehrbeauftragte des Deutschen Bundestages, dass der Verteidigungsausschuss das Bundesverteidigungsministerium aufgefordert habe, in der Bundeswehr Geistliche aus anderen Religionen einzustellen. Bislang gab es nur katholische und evangelische Militärseelsorger. 2018 monierte der Wehrbeauftragte sehr deutlich, dass das Ministerium „lediglich den seit nunmehr sieben Jahren dauernden Prüfungsprozess weiter vorantreiben“ wolle. Mit dem Befehl ist dieser Prüfungsprozess zumindest für die jüdische Militärseelsorge zu einem Ende gekommen.

Für Verträge mit muslimischen Geistlichen wurden dagegen lediglich Gespräche über die praktische Umsetzbarkeit angekündigt. Andere Länder sind längst weiter, sagt Ines Michalowski. Eine Reihe europäischer Nachbarländer, allen voran Frankreich und die Niederlande, aber auch Österreich, Großbritannien und Norwegen haben bereits muslimische Seelsorger in ihren Reihen. Frankreich, die Niederlande und Großbritannien bieten zudem eine jüdische Militärseelsorge. In Belgien und Österreich wurde die jüdische Seelsorge wieder aufgegeben, weil der Aufwand angesichts der geringen Zahl jüdischer Soldaten für einen im Nebenamt tätigen Rabbiner zu hoch war. Interessant ist hier die französische Lösung, wo die protestantische, jüdische und muslimische Minderheit hinsichtlich der ihnen gewährten Anzahl an Militärseelsorgern zwar klar überrepräsentiert, dafür aber auch genauso an Auslandseinsätzen teilnehmen kann wie die Seelsorger der katholischen Mehrheit.

Beitrag von Ines Michalowski (2015): „What is at Stake when Muslims Join the Ranks? An International Comparison.“ In: Religion, State & Society, special section on military chaplaincy edited by Kristina Stoeckl & Olivier Roy, 43 (1), pp. 41-58.