Schulunterricht
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Schulentwicklung gegen Bildungsungleichheit

Bald soll das Startchancen-Programm der Bundesregierung anlaufen – doch was kann die einzelne Schule gegen Bildungsungleichheit ausrichten? In einem gerade erschienenen Schwerpunktheft der Zeitschrift DDS – Die Deutsche Schule reflektieren Forscher*innen aktuelle Prämissen und Ansätze der Schulentwicklungsforschung und -praxis.

Studien zeigen immer wieder: Schüler*innen aus sozial benachteiligten Familien haben im deutschen Schulsystem schlechtere Bildungschancen. Daran hat sich trotz aller bildungspolitischen Verlautbarungen und Reformkonzepte über die Jahre kaum etwas geändert. In der jüngeren Diskussion möglicher Lösungen steht ein Reformansatz hoch im Kurs, der auf die Autonomie der Einzelschule abhebt: Statt zentral geplante Reformmodelle umzusetzen, sollen Schulen in sozial schwieriger Lage zusätzliche Ressourcen und besondere Unterstützungsangebote erhalten. Damit sollen sie in die Lage versetzt werden, eigenverantwortlich Entwicklungsprozesse zu initiieren, die ihren Schüler*innen bessere Bildungschancen verschaffen. Erprobt wird dies seit einigen Jahren in verschiedenen Landesprogrammen – und auch das geplante Startchancen-Programm der Ampelkoalition wird dieser Grundlogik folgen. Ein von den WZB-Forschern Norbert Sendzik (jetzt LIfBi) und Benjamin Edelstein mitherausgegebenes Schwerpunktheft der Zeitschrift DDS – Die Deutsche Schule nimmt die laufenden Diskussionen, an denen das WZB auch mit dem Expert:innenforum Startchancen intensiv beteiligt ist, zum Anlass, das bildungspolitische Paradigma der „ungleichheitssensiblen Schulentwicklung“ einer kritischen Bilanz zu unterziehen und Anregungen zur Weiterentwicklung von Schulentwicklungsforschung und -praxis zu geben.

Inwieweit ist die Erwartung, dass die einzelne Schule ungleiche Startvoraussetzungen wirksam kompensieren kann, überhaupt realistisch? Was sind zentrale theoretische Prämissen der betreffenden Förderprogramme und welche Befunde zu ihren Wirkungen liegen vor? Welche Unterstützungsstrukturen können eine produktive Rolle spielen und an welchen Kriterien lässt sich der Erfolg solcher Programme sinnvoll messen? Das DDS-Schwerpunktheft 3/2023 nähert sich diesen Fragen aus unterschiedlichen disziplinären ebenso wie praxisnahen Perspektiven. In acht Schwerpunktbeiträgen werden ausgewählte Landesprogramme vorgestellt, empirische Befundlagen zum ungleichheitsreduzierenden Potenzial von Schulentwicklung referiert sowie theoretische, normative und evaluationsbezogene Fragen diskutiert, die in der Schulentwicklungsforschung und -praxis bisher zu wenig Aufmerksamkeit erhalten haben.

In den Beiträgen zu den Programmen BONUS, D23+ Starke Schulen, PeSs und Ein Quadratkilometer Bildung ebenso wie in der Zusammenschau von Forschungsbefunden der an der Bund-Länder-Initiative „Schule macht stark – SchuMaS“ beteiligten Forscher*innen Alexandra Marx und Kai Maaz, wird deutlich, dass bis heute kaum belastbare empirische Befunde zu den ungleichheitsbezogenen Wirkungen des Reformansatzes vorliegen. Auch wenn bestehende Programme seitens der beteiligten Schulen positiv beurteilt werden und Befunde der Begleitforschung zeigen, dass sie etwa das Kooperationsklima und die Innovationsbereitschaft in den Kollegien verbessern, ist bisher also keineswegs gesichert, dass diese Programme Bildungsungleichheiten tatsächlich wirksam reduzieren können.

Dass in Bezug auf diese entscheidende Frage wenig Klarheit herrscht, liegt auch an der bestehenden Evaluationspraxis, so ein von den WZB-Forscher*innen Melinda Erdmann, Marcel Helbig und Irena Pietrzyk verfasster Beitrag. Überwiegend setze man auf Prozessevaluation, während Ansätze der Wirkungsevaluation, wie sie in anderen Politikfeldern längst etabliert sind, in der Schulentwicklungsforschung kaum Verwendung finden.

Auch auf theoretischer Ebene sind zentrale Fragen nicht hinreichend geklärt, argumentiert Marcus Emmerich in einem wissenschaftssoziologisch orientierten Beitrag. Die Schulentwicklungsforschung fokussiere sich in der theoretischen Konzeptualisierung von Bildungsungleichheit einseitig auf sozialstrukturelle und damit außerhalb der Institution Schule liegende Faktoren, weshalb die entsprechende Forschung Schwierigkeiten habe, die Rolle von Schule in der Genese von Bildungsungleichheit analytisch angemessen zu reflektieren. In der Konsequenz könne die Schulentwicklungsforschung zumindest in Deutschland theoretisch fundierte Ansatzpunkte für die bildungspolitische Konzeption von Schulentwicklungsmaßnahmen bisher schwer liefern.

Letztlich sei jedoch schon der Blickwinkel, aus dem die Schulentwicklung(sforschung) an ihren Gegenstand herantritt, zu verkürzt, kritisieren Nils Berkemeyer und Björn Hermstein in ihrem Beitrag. Der nahezu ausschließliche Fokus auf die Ebene der Einzelschule verstelle den Blick auf ungleichheitsrelevante Strukturen und Praktiken der darüber liegenden Ebenen der Schulpolitik und -verwaltung, die etwa durch rechtliche Rahmensetzungen und Ressourcenzuweisungen maßgeblich darüber entschieden, welche Bedingungen und Möglichkeiten der Bearbeitung des Problems durch die Einzelschule überhaupt bestehen. Zu eng geführt seien auch die Kriterien, an denen der Erfolg von Schulentwicklungsprogrammen typischerweise bemessen werde. Zur Beurteilung der Qualität von Schulentwicklungsprozessen seien gerechtigkeitstheoretische und partizipationsorientierte Maßstäbe ebenso erforderlich.

Die Kernbotschaft des neu erschienenen DDS-Schwerpunktheftes: Das Paradigma der ungleichheitssensiblen Einzelschulentwicklung, auf das sich seit geraumer Zeit alle Hoffnungen richten, erhält in der Schulentwicklungsforschung und -praxis zurecht große Zustimmung. Dennoch weist es Schwächen und blinde Flecken auf und sollte deshalb konzeptionell überdacht und weiterentwickelt werden. Ansonsten könnten die Mühen und Ressourcen, die in das Startchancen-Programm und ähnliche Landesprogramme fließen, am Ende hinter den gesteckten Zielen zurückbleiben.

12.9.2023