Die Messung rassistischer Bildungsungleichheiten in Deutschland. Praktiken, Herausforderungen und Lösungsansätze im Rahmen von Antidiskriminierungsdaten

Abstract

In Deutschland existiert bislang kein anerkanntes Messkonzept, das rassistische Zuschreibungen in statistischen Daten sichtbar macht. Dementsprechend gibt es nur eine geringe Anzahl quantitativer Studien, die untersuchen, inwiefern Rassismus zu Bildungsungleichheiten beiträgt. Die bestehende Forschung bezieht sich meist auf ‚ethnische‘ Ungleichheiten. Dabei werden rassismus- und migrationsbezogene Mechanismen und Ausprägungen gemeinsam betrachtet, häufig mit einer Operationalisierung über den ‚Migrationshintergrund‘. Für diese Differenzlinien wirken jedoch unterschiedliche Mechanismen, und die Personengruppen, die von Rassismus und (familiärer) Migration betroffen sind, überschneiden sich nur zum Teil. Eine konzeptionelle und empirische Differenzierung von Rassismus und Migration trägt daher zur Theorieentwicklung bei.

In meiner Dissertation gehe ich der Frage nach, wie in der Sozialforschung eine statistische Sichtbarmachung rassistischer Erfahrungen für den Bildungsbereich gelingen kann. In Form von vier multimethodischen Teilstudien beleuchte ich die Komplexität der empirischen Operationalisierung rassistischer Kategorisierungen und analysiere das Messkonzept der ‚wahrgenommenen Fremdzuschreibung‘ als potenziellen Lösungsansatz.

Zur empirischen Analyse rassistischer Ungleichheiten wird eine Personenkategorie benötigt, die die Identifikation rassistisch markierter Individuen in Daten ermöglicht. Jedoch sind rassistische Zuschreibungen dynamisch, multidimensional und demnach nicht objektiv. Zudem können statistische Messkonzepte rassistische Kategorisierungen in der Gesellschaft (re-)produzieren und legitimieren. Ein Lösungsvorschlag ist die Erhebung der ‚wahrgenommenen Fremdzuschreibung‘ in Deutschland. Im Rahmen des Nationalen Bildungspanels wurde ein entsprechendes Messkonzept entwickelt, das die subjektive Wahrnehmung von Zuschreibungen als ‚(nicht) deutsch‘ abbildet. Die Forschungsergebnisse zeigen, dass die Wahrnehmung solcher Fremdzuschreibungen mit schulischen Kompetenzunterschieden zusammenhängt – zusätzlich zu den viel erforschten sozialen und migrationsbezogenen Ungleichheiten. Diese Ergebnisse weisen auf die Bedeutung der ‚wahrgenommenen Fremdzuschreibungen‘ als neuem empirischem Messkonzept bei der Analyse von Bildungsungleichheiten in Deutschland hin. Abschließend ist festzuhalten, dass gesellschaftliche Differenzlinien im Rahmen der Forschung zu gesellschaftlichen Ungleichheiten stetig evaluiert und neu gedacht werden müssen – insbesondere in einer zunehmend pluralen, postmigrantischen Gesellschaft wie Deutschland.

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Ausgewählte Publikationen

Wzbaktiv
Matysiak, Josefine (2026): Die Messung rassistischer Bildungsungleichheiten in Deutschland. Praktiken, Herausforderungen und Lösungsansätze im Rahmen von Antidiskriminierungsdaten. Dissertation. Berlin: Humboldt-Universität, 190 S.
Piezunka, Anne/Matysiak, Josefine (2025): "Discrimination by Teachers Against Students. Sensemaking in Light of a Reporting Obligation". In: On Education - Journal for Research and Debate, Vol. 8, No. 21, 13.05.2025, S. 1-13.
Matysiak, Josefine/Piezunka, Anne/Montero, Clara (2023): "Quo vadis, 'Migrationshintergrund'? Herausforderungen der empirischen Forschungspraxis". In: Zeitschrift für erziehungswissenschaftliche Migrationsforschung, Jg. 2, H. 2, S. 190-207.