Offenes Schloss vor türkisfarbenem HIntergrund
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Offenheit im globalen Lockdown: Ein Zukunftsmodell für die Wissenschaft?

Ein Beitrag von Alessandro Blasetti, Patrick Droß, Mathis Fräßdorf und Julian Naujoks

Seit Beginn der Covid-19-Pandemie präsentieren Forscher*innen auf verschiedenen Kanälen ihre Forschungsergebnisse und Empfehlungen zu den Herausforderungen der Krise. Mehr denn je finden sie dabei Gehör und Einfluss nicht nur in Fachkreisen, sondern auch in der Politik, in den Medien und in der Bevölkerung, nicht selten mit unmittelbaren Auswirkungen auf das soziale und politische Leben. Open Science – der freie Zugang zu Wissen, der transparente Austausch über Erkenntnisse und die unbeschränkte gesellschaftliche Teilhabe an Forschungsergebnissen – scheint zum Massenphänomen zu werden. Es ist paradox: Ausgerechnet in Zeiten von Lockdowns und weltweiten Grenzschließungen wird die Forschung offener denn je. Was noch vor Kurzem hinter einer Bezahlschranke steckte, ist auf einmal: „free to download!“ Dass der raschen Zirkulation von Erkenntnissen in der aktuellen Krisensituation Systemrelevanz attestiert wird, ist zu begrüßen. Was aber folgt danach? Führt dies zu einer nachhaltigen Verankerung des Open-Science-Paradigmas? Oder sehen wir nur eine „Systemrelevanz auf Zeit“? Aus drei Momentaufnahmen erlauben wir uns einen Blick in die Zukunft:

1) Etliche wissenschaftliche (Groß-)Verlage reißen ihre Paywalls nieder und schalten insbesondere medizinische Inhalte frei. Dass Verlage einzelne Artikel temporär kostenlos zugänglich machen, ist durchaus üblich. Dabei geht es den Anbietern meist um Marketing, das Sammeln von Nutzungsdaten und eine Steigerung des Journal Impact Factors; genauso willkürlich, wie die Freischaltung erfolgt, wird der Zugang oft auch wieder gesperrt. Neu ist nun, dass die Freischaltungen massenhaft erfolgen und transparent nach außen kommuniziert werden. Gewiss ist die aktuelle Großzügigkeit der Verlage auch der Notfallsituation geschuldet, geht es hier doch unmittelbar darum, Menschenleben zu retten und Forschungsergebnisse für die Lösung einer Krise ungeheuren Ausmaßes bereitzustellen. Doch wie tröstlich es im Covid-19-Pandemie-Alltag auch ist, diesen Paywall-Shutdown zu erleben: Mit den ersten Lockerungen der Ausgangssperren und fallenden Infektionskurven ist damit zu rechnen, dass dieser vordergründige Altruismus wieder schwinden wird. So heißt es zum Beispiel auf Elseviers Verlagsseite: „Elsevier has made available all its research and data [...] for as long as needed while the public health emergency is ongoing.“ So entsteht ein schaler Nachgeschmack: Es ist nur ein Schlaraffenland auf Zeit, der Paywall-Shutdown verschafft uns keine nachhaltigen Zugangsrechte. Dies kann nur ein transparentes Open-Access-Publikationsökosystem gewährleisten – wovon auch andere gesellschaftliche Krisen profitieren würden.

2) Die in einigen Disziplinen schon lange etablierte Preprint-Kultur hat bereits mit der Ebola- und Zika-Pandemie auch in den lebenswissenschaftlichen Fächern Einzug gehalten [1]. Sogenannte Preprints – Vorab-Versionen wissenschaftlicher Zeitschriftenartikel, die autor*innenseitig schon vor einem Peer-Review frei verbreitet werden – spielen bei der Erforschung der Covid-19-Pandemie eine zentrale Rolle. Forscher*innen gehen damit vielversprechende Wege außerhalb kommerzieller Verlagsstrukturen und weisen implizit auf zentrale Widersprüche des althergebrachten Publikationssystems hin. Denn es ist schnelles Handeln erforderlich, und dazu gehört die unmittelbare Verfügbarkeit tagesaktuellen Wissens. Das gängige Veröffentlichungsverfahren in traditionellen Peer-Review-Zeitschriften ist aber extrem langsam: Zwischen Einreichung und Erscheinen von Aufsätzen in Fachzeitschriften können oft Jahre liegen. Preprints zirkulieren sofort und stehen zur Nachnutzung durch Wissenschaft oder Gesellschaft unmittelbar zur Verfügung. Darüber hinaus sind diese auf nicht kommerziellen Repositorien platzierten Arbeitsergebnisse dauerhaft öffentlich und kostenlos zugänglich – und dies ohne die Bezahlung einer Publikationsgebühr.

3) Die Erforschung des Corona-Virus basiert auf Forschungsdaten, die durch Expert*innen der Virologie, Medizin und Epidemiologie erhoben und ausgewertet werden. Die Arbeit erfolgt teilweise in globaler Arbeitsteilung, ermöglicht durch die Nachnutzung von frei verfügbaren Daten. Die Covid-19-Pandemie führt also auch in diesem Bereich zu einer bislang unerreichten Beschleunigung bei der Verfügbarmachung von Wissen. Auch Sozialwissenschaftler*innen tragen zum Erkenntnisgewinn bei, indem sie Daten zu gesellschaftlichen Phänomenen in Zeiten der Pandemie erheben und diese für weitere Analysen zur Verfügung stellen (so zum Beispiel das German Internet Panel oder die Corona-Studie des WZB). Prinzipiell gilt: Eine Nachnutzbarkeit von Forschungsdaten ist schwieriger umsetzbar als bei Texten. So müssen nicht nur Fragen des Urheberrechts, sondern auch des Datenschutzes und vor allem der adäquaten Datenaufbereitung und -dokumentation geklärt werden, was für Forscher*innen sicher nicht immer zum Alltagsgeschäft gehört. Die derzeitigen Erfahrungen nähren jedoch die Hoffnung, dass sich das Bewusstsein der Forscher*innen für den immensen Wert offener Daten verstärkt und ihre Bereitschaft erhöht, eigene Daten zu teilen. Dass dies nur durch gut abgestimmte Unterstützungsangebote der wissenschaftlichen Forschungsinfrastruktur möglich wird, versteht sich von selbst.

Die Covid-19-Krise offenbart, wie wichtig und dringlich es ist, dass die Ergebnisse öffentlich finanzierter Forschung der Wissenschaft und Gesellschaft unmittelbar zur Verfügung stehen. Was wird aber von dieser Erkenntnis bleiben, wenn die Ausgangssperren wieder aufgehoben werden? Wird es unserer Gesellschaft gelingen, aus der momentanen Not eine nachhaltige Tugend zu machen? Die zutage tretende Bereitschaft unzähliger Wissenschaftler*innen, ihre Ergebnisse auf neuen Wegen direkt mit der Öffentlichkeit zu teilen, verdient nicht nur gesellschaftliche Anerkennung. Sie könnte die Covid-19-Pandemie zum Katalysator eines längst fälligen Kulturwandels in der Produktion und Zirkulation von Wissen machen.


[1] Johansson MA, Reich NG, Meyers LA, Lipsitch M (2018) Preprints: An underutilized mechanism to accelerate outbreak science. PLoS Med 15(4): e1002549. https://doi.org/10.1371/journal.pmed.1002549.

 

 

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5. Mai 2020

Zum Weiterschauen

 

Open science against Covid-19. France 24, 17.04.2020

 

Zum Weiterlesen

 

Offen durch die Krise. Interview mit Open Science-Pionier Klaus Tochtermann. Merton Magazin, 27.04.2020

 

Openness in Zeiten von Corona. Linksammlung Wissenschaftskommunikation, Open Science und Open Innovation. innosci, Forum für offene Innovationskultur.