Digitaler Autoritarismus
Die Ausübung umfassender Herrschaft setzt für autoritäre Regime zunehmend die Kontrolle des digitalen öffentlichen Raums voraus. Für den kostspieligen Ausbau der Internetinfrastruktur greifen autoritäre Regierungen häufig auf ausländische Direktinvestitionen zurück – nicht selten aus anderen Autokratien. Lisa Garbe und ihre Koautorinnen haben diese Zusammenhänge anhand von Daten aus afrikanischen Staaten untersucht.
Ihre Studie zeigt: Je repressiver ein autoritäres Regime offline agiert, desto stärker sind Investoren aus anderen autokratischen Staaten an der Internetinfrastruktur beteiligt. Denn je mehr Investitionen aus anderen Autokratien fließen, desto geringer ist deren hemmende Wirkung auf die Nutzung des Internets für Online-Repressionen. Anhand von Daten aus dem Datensatzes „Telecommunications Ownership and Control" zeigten die Autorinnen, dass autoritäre Regime ihre Online-Repression signifikant ausweiten, sobald mindestens ein Internetdienstanbieter im Besitz eines ausländischen autokratischen Investors ist.
Der Kreis der ausländischen Investoren reicht dabei weit über große Autokratien hinaus und umfasst Staaten auf der ganzen Welt – beispielsweise Vietnam und Katar. Dies offenbart ein breites und heterogenes Netzwerk autokratischer Staaten, das zur Ausweitung digitaler Kontrollkapazitäten beiträgt.
Die Studie ist Teil der von Lisa Garbe mitherausgegebenen Sonderausgabe der Zeitschrift Democratization zum Thema „Autoritärer Informationalismus“. Der Begriff bezieht sich auf das effektive Zusammenspiel von Offline- und Online-Taktiken, um Überwachung, Manipulation und Kontrolle von Informationen zum zentralen Mittel politischer Macht zu machen. In der Zeitschrift werden die Auswirkungen des wachsenden digitalen Instrumentariums auf die Widerstandsfähigkeit autoritärer Regime untersucht.
Insgesamt zeigen die Studien, dass die Digitalisierung die autoritäre Informationsmacht erweitert, ohne deren Kernziele zu verändern. Auf der Metaebene bedeutet dies, dass digitale Technologien die Widerstandsfähigkeit autoritärer Regime stärken können: Sie erweitern die Reichweite der Überwachung, erhöhen die Raffinesse von Propaganda und Manipulation und senken die Kosten für die Unterdrückung abweichender Meinungen. Gleichzeitig schaffen sie jedoch auch neue Abhängigkeiten von transnationalen Infrastrukturen und nichtstaatlichen Akteuren. Dadurch entstehen Schwachstellen, die autoritäre Kontrolle paradoxerweise einschränken können.
09/01/2026, MP
