Das Bild zeigt die Turnschuhe von Joschka Fischer, in denen er den Amtseid als erster grüner Minister in Deutschland leistete. Aufgenommen im Ledermuseum Offenbach.
©Deutsches Ledermuseum, C. Perl-Appl

Gegenreaktion auf neue progressive Akteure

Wie reagieren Wähler*innen auf das Auftreten neuer, als „radikal-progressiv“ wahrgenommener Parteien? Eine neue WZB-Studie zeigt, dass sich mit dem Wahlerfolg neuer progressiver Parteien eine Gegenbewegung hin zu konservativen Parteien entwickelt. Als Fallstudie diente WZB-Forscher Fabio Ellger die Etablierung der Partei Die Grünen in den 80ziger Jahren: Ihre parlamentarische Präsenz habe konservative Wähler mobilisiert und die CDU/CSU gestärkt – und damit eine Art konservativen „Backlash“ ausgelöst. Von dieser Gegenbewegung profitierten die konservativen Parteien.

Fabio Ellger hat gemeinsam mit den Forschern Tom Arend und mit António Valentim (London School of Economics and Political Science) für die Studie Wahlergebnisse auf Kreisebene bei den Bundestagswahlen für den Zeitraum 1969 bis 2017 untersucht und weitere Daten aus Wahl- und Panelbefragungen verwendet. Seine Ergebnisse zeigen zusammengefasst, dass die Grünen historisch als Gegenpol zu den etablierten Konservativen (CDU/CSU) wirkten und wahrgenommen wurden. Das führte dazu, dass sich Teile der konservativ eingestellten Wählerschaft als bewusste Gegenreaktion stärker der CDU/CSU zugewandt haben.

Mehr Stimmen für CDU/CSU

Das zeigt sich sowohl an den Wahlergebnissen wie bei der verstärkten persönlichen Identifikation mit der CDU/CSU. Der Einzug der Grünen in einen Landtag erhöhte im folgenden Bundestagswahljahr die CDU/CSU-Stimmenanteile um etwa 1,3 bis 1,6 Prozentpunkte und steigerte die Wahrscheinlichkeit, zu einer CDU/CSU-Parteibindung zu wechseln, um rund 2 Prozentpunkte - insbesondere bei vorher parteilosen Wählern. Interessant ist, dass die Ablehnung eher mit einem als Normverletzung der Grünen empfundenen Verhalten zusammenhängt als mit ihren konkreten Politikpositionen. Vergleichbare Muster deuten sich in Umfragedaten aus zwölf westeuropäischen Ländern an.

„Manche Wähler der Mitte ziehen sich zu etablierten konservativen Parteien zurück, wenn sie sich durch neue progressive Kräfte gestört fühlen“, macht Fabio Ellger, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Abteilung Transformationen der Demokratie deutlich.

Allgemeines Muster der Gegenreaktion

Das Fazit: Der (Wahl-)Erfolg der Grünen wirkte als disruptiver Impuls, der konservative Wähler mobilisierte und die CDU/CSU kurzfristig stärkte. Der Effekt scheint weniger aus konkreten Sachpositionen zu stammen als aus der Reaktion auf normverletzendes, gegen das Establishment gerichtete Verhalten und der dadurch ausgelösten Identitätsverteidigung.

Der Forscher sieht durchaus auch eine Parallele zur Gegenwart. Identitätsbasierte Gegenbewegungen der Wählerschaft als Antwort auf radikale politische Kräfte sind nichts Neues. Die Ergebnisse verdeutlichen ein allgemeineres Muster der Gegenreaktion gegen neue disruptive politische Akteure. Sie erklären auch, warum sich derzeit die Polarisierung und die Fragmentierung des Parteiensystems in vielen etablierten Demokratien verschärfen.

Das Bild zeigt die Turnschuhe von Joschka Fischer, in denen er den Amtseid im Hessischen Landtag als erster Staatsminister aus der Partei Die Grünen leistete. Die Schuhe gehören zur Sammlung des Deutschen Ledermuseums Offenbach. Quelle: ©Deutsches Ledermuseum, C. Perl-Appl

29.1.26/kes/FE