Radikalisiert und etabliert: Neue Studie zur AfD
Die Wähler*innen der AfD haben ihre Wahlentscheidung nicht allein aus Protest getroffen, wie oft angenommen wird. Das ist ein zentrales Ergebnis einer umfangreichen Analyse zur AfD, die von Bernhard Weßels und Wolfgang Schroeder verfasst wurde und als Arbeitspapier der Otto Brenner Stiftung erschienen ist. In der Studie zeichnen die Forscher die Entwicklung der AfD als eine Partei der Metamorphosen nach, die sich seit ihrer Gründung 2013 immer weiter radikalisiert und zugleich im deutschen Parteiensystem etabliert hat.
Die Analysen der Autoren machen deutlich, dass substanzielle Gründe und tieferliegende Motive für die Wahl der AfD ausschlaggebend waren. AfD-Wähler*innen lehnen überdurchschnittlich häufig Maßnahmen zur Gleichstellung ab und vertreten ethnozentrische Einstellungen. Bei der Bundestagswahl 2021 gaben 90 Prozent von ihnen an, dass sie sich durch die Partei gut vertreten sehen.
Im Gegensatz zu Protestwähler*innen, die aus Frustration oder Unzufriedenheit mit dem politischen System handeln, haben die AfD-Wähler:innen klare politische Zielsetzungen. So lehnen etwa zwei Drittel der AfD-Wählenden eine allgemeine Impfpflicht ab, im Rest der Bevölkerung ist es nur etwas mehr als ein Viertel. Auch die Einführung einer Frauenquote in Aufsichtsräten stößt ganz überwiegend auf Ablehnung. Entsprechend sieht es mit der Zustimmung zu der Aussage aus, dass „bisherige Maßnahmen zur Gleichstellung zu weit gehen würden“. Knapp ein Drittel der AfD-Wählerschaft stimmt dem zu, bei den Wähler*innen anderer Parteien sind es lediglich 9 Prozent. Die Anpassung von Einwander:innen an die deutsche Kultur wird von mehr als drei Vierteln der AfD-Wählenden gefordert, in der restlichen Wählerschaft sind es etwas mehr als ein Drittel. „Es gibt ein deutlich antiliberales und anti-emanzipatorisches Einstellungs-Set bei den Wähler*innen der AfD“, resümieren die Autoren.
Eingehend analysiert die Studie die Entwicklung und soziale Positionierung der AfD-Wählerschaft. Diese hat sich über die Jahre verändert. Zu Beginn wurde die Partei noch von einem Querschnitt der Gesellschaft gewählt, mittlerweile vor allem von sozial schlechter gestellten Menschen, die auch zivilgesellschaftlich schwächer integriert sind. Die Arbeitslosigkeit ist unter AfD-Wählenden im Vergleich zu anderen Parteien fast doppelt so stark ausgeprägt. Auch sind sie seltener Mitglieder in Vereinen oder Verbänden. Ausnahme bilden die Mitgliedschaften in Gewerkschaften und bei „Querdenken“. Auch bezogen auf die beruflichen Ausbildungsabschlüsse zeigen sich Unterschiede zu anderen Parteien. Bei Ausbildungsabschlüssen, die handwerkliche Berufe umfassen, liegt zum Beispiel der Anteil unter AfD-Wählenden bei 46,4 Prozent, bei den anderen Parteien im Durchschnitt bei 25,4 Prozent. Weiterhin ist der Anteil der Berufsfachschulabschlüsse bei Wähler*innen anderer Parteien mehr als doppelt so hoch (31,7 Prozent gegenüber 14,2 Prozent bei AfD Wählenden). Hingegen ist der Anteil der AfD-Wähler*innen mit Promotion mit 13,8 Prozent etwa halb so hoch wie bei anderen Parteien (27,2 Prozent).
Ausführlich beschäftigt sich die Studie mit der Nicht-Beachtung der AfD durch den Verfassungsschutz unter Vorsitz von Hans-Georg Maaßen. Erst mit dem Führungswechsel zu Thomas Haldenwang änderte sich dies grundsätzlich. Dass die AfD seit 2021 als Verdachtsfall eingestuft wird, hat nach Ansicht der Autoren den paradoxen Effekt, dass die Partei noch offener rechtsextrem agiert: Inzwischen ist sie dazu übergegangen, sich als politisches Opfer des Verfassungsschutzes zu inszenieren.
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19.7.23, CR