Wer ist wann zu alt zum Arbeiten?

Bei der Frage, wer wann zu alt zum Arbeiten ist, spielen sozial abgeleitete Normen wie geschlechterspezifische Stereotype und die Diskriminierung von Älteren eine erhebliche Rolle. Virulente Altersbilder haben einen Anteil an der Diskriminierung am Arbeitsmarkt, so der Ungleichheitsforscher Jonas Radl in seinem Beitrag für die aktuelle Ausgabe der WZB-Mitteilungen, den wir hier wiedergeben.

Die Rentenversicherung ist die finanziell wichtigste Säule der Sozialpolitik. Wenn im Jahr 2031 die allmähliche Erhöhung des Renteneintrittsalters abgeschlossen sein wird, wird die Altersgrenze für die Regelaltersrente 67 Jahre betragen. Immer wieder werden Forderungen laut, das Renteneintrittsalter in der Zukunft noch weiter zu erhöhen, etwa auf 70 Jahre. Ist dies eine realistische Option? Natürlich ist ein längeres Arbeitsleben für die Rentenkassen von Vorteil, gerade in Hinblick auf die Generation der Babyboomer, die nun das Rentenalter erreicht. Dafür müssen jedoch zwei grundsätzliche Voraussetzungen erfüllt sein. Die erste ist, dass es der Gesundheitszustand der Menschen im betreffenden Alter zulässt, weiter aktiv am Arbeitsleben teilzunehmen. Viele Beschäftigte haben physische oder psychische Gesundheitsprobleme, die es ihnen nicht erlauben, den Ruhestand aufzuschieben.

Glücklicherweise sind dank des medizinischen und sozialen Fortschritts immer weniger ältere Menschen von Erwerbsminderung betroffen. Um sie länger im Arbeitsmarkt zu halten, muss aber auch eine zweite Voraussetzung gegeben sein: Die Gesellschaft muss bereit sein, das neue Modell der „aktiven Alterung“ anzunehmen. Und dies ist keineswegs selbstverständlich, im Gegenteil: „Altersdiskriminierung“ ist weiterhin ein verbreitetes Phänomen. Altersstereotype schlagen sich sowohl unter Arbeitgebern bei der Neueinstellung von Mitarbeitern als auch bei den Ruhestandsentscheidungen der Arbeitnehmer selbst nieder. Die Einstellungen zum akzeptierten Ruhestandsalter lassen sich mit Umfragen direkt erfragen, so zum Beispiel in einer Online-Befragung, die im April 2018 in den USA, Deutschland und Spanien durchgeführt wurde. Pro Land wurden mehr als 1.600 Personen zwischen 18 und 70 Jahren befragt. Eine Frage lautete: „Ab welchem Alter ist eine Frau/ein Mann Ihrer Meinung nach in der Regel zu alt, um 20 Stunden oder mehr pro Woche zu arbeiten?“


Die Grafik gibt das Durchschnittsalter an, ab dem die interviewten Personen in den drei Ländern Männer beziehungsweise Frauen als zu alt zum Arbeiten einstufen. Es zeigt sich auf den ersten Blick, dass man in den USA erst deutlich später für zu alt zum Arbeiten gehalten wird als in Europa. In Spanien und Deutschland dagegen findet man einen früheren Renteneintritt angebracht. Für die Mehrheit ist man hier mit 65 Jahren schon zu alt um weiterzuarbeiten. Den gleichen grundsätzlichen Unterschied kann man beim tatsächlichen Renteneintrittsalter beobachten; die Verabschiedung aus dem Berufsleben erfolgt in den USA allgemein später als in Deutschland und Spanien.

Traditionelle Geschlechterrollen

Es zeigt sich aber auch, dass in allen drei Ländern traditionelle Geschlechterrollen immer noch erstaunlich weit verbreitet sind. Die Mehrheit findet, Frauen sollten deutlich früher in Rente gehen als Männer. In den USA ist der Geschlechterunterschied besonders deutlich: Im Durchschnitt sollen Frauen vier Jahre früher als Männer aufhören zu arbeiten – aber immerhin zwei Jahre später als Frauen in Spanien oder Deutschland. Die Bewertung der Geschlechterfrage hängt also vom Vergleichsmaßstab ab.

Die Altersunterschiede unter den Befragten sind ebenso auffällig. In Deutschland etwa meinen junge Erwachsene im Durchschnitt, dass Männer schon ab 60,8 Jahren zu alt sind, um einen Arbeitsplatz zu besetzen, und Frauen noch ein halbes Jahr früher. Je älter die Befragten allerdings sind, desto höher stufen sie das akzeptable Ruhestandsalter ein. Dies ist ein bekannter Zusammenhang, der sich in allen drei Ländern zeigt. Möglicherweise handelt es sich dabei um eine Rationalisierung der Notwendigkeit, länger arbeiten zu müssen. In jungen Jahren malen wir uns einen frühen Ruhestand aus, aber im Laufe des Lebens entdecken wir ökonomische Zwänge, die diese Idee wenig realistisch erscheinen lassen. Vielleicht fühlen wir uns auch fitter als erwartet oder können uns ein Leben ohne Arbeit nur noch schwer vorstellen.

Zum Geschlechterunterschied hinsichtlich der Person, auf die sich die Frage nach dem angemessenen Rentenalter bezieht, gesellt sich im nächsten Analyseschritt ein zweiter Geschlechterunterschied, nämlich der der Befragten selbst. Damit kommt ein weiterer wichtiger Faktor ins Spiel. Die zweite Abbildung zeigt, dass Männer in den USA weitaus traditionellere Einstellungen zum Altersübergang haben als Frauen. US-amerikanische Frauen finden, dass sie fünf Jahre länger arbeiten können, im Vergleich zu dem, was Männer über sie denken. In Spanien beträgt dieser Unterschied lediglich 1,5 Jahre. Den Frauen in den drei Ländern ist jedoch gemeinsam, dass sie Männern ein höheres Arbeitsalter zugestehen als sich selbst. Dies ist ein klarer Fall von Verinnerlichung sozialer Normen. Diese Tatsache wird in Deutschland besonders deutlich, wo Frauen voll und ganz mit der männlichen Vorstellung einverstanden sind, dass es für sie im Alter von gut 62 Jahren Zeit ist, sich vom Berufsleben zurückzuziehen. Natürlich stimmen nicht alle Frauen mit den traditionellen Geschlechterrollen überein. Tatsächlich sind in Spanien und den USA die Frauen weniger konservativ eingestellt als die Männer. Dennoch zeigen die Durchschnittswerte klar, dass es immer noch die Mehrheit der Frauen ist, die Männern eine herausragende Rolle auf dem Arbeitsmarkt zuschreibt. Mehr noch, sie finden sogar in allen drei Ländern, dass die Männer noch länger arbeiten können, als es die Männer selbst denken. Damit zeigen sich die Frauen wiederum weniger altersdiskriminierend als die Männer.


Die Arbeitswelt, eine Männerdomäne?

Im Fazit zeigen die Umfragedaten erneut, wie tief Geschlechternormen in unseren Gesellschaften verwurzelt sind. Diese Normen spiegeln sich in den Praktiken der Personalverwaltungen der Betriebe wider und schränken die Lebenschancen vieler Frauen ein. Zugleich ist es frappierend zu sehen, wie sehr Frauen die altmodische Auffassung verinnerlicht haben, dass die Arbeitswelt eine Männerdomäne sei. In den USA scheint die jüngere Generation sogar konservativer als die ältere Bevölkerung zu sein, und auch in Spanien zeigt sich bei den jüngsten untersuchten Altersgruppen keine eindeutige Tendenz zu mehr Geschlechtergleichheit. Immerhin gibt es bei den unter 30-Jährigen in Deutschland erste Hinweise darauf, dass diese überkommenen Normen mit einem Generationenwechsel aufgeweicht werden. Die früher existierende spezielle Altersrente für Frauen, die einen Renteneintritt mit 60 Jahren ermöglichte, gibt es schon seit einem Jahrzehnt nicht mehr, und es bleibt zu hoffen, dass sich hierzulande auch die Einstellungen allmählich angleichen.

Soziale Normen sind in der Gesellschaft geteilte Vorstellungen davon, welche Verhaltensweisen für wen angemessen sind. Die Einstellungen zum Ruhestandsalter zeigen, dass unsere Gesellschaften weiterhin von Alters- und Geschlechterdiskriminierung geprägt sind. Fortdauernde Altersstereotype sind unvereinbar mit egalitären Werten und befördern Vorurteile gegenüber marginalisierten älteren Menschen, vor allem gegenüber älteren Frauen. Außerdem wird die Altersdiskriminierung angesichts des demografischen Wandels künftig zu einem wachsenden ökonomischen Problem, wenn viele Unternehmen auf die Beiträge ihrer qualifizierten älteren Arbeitskräfte angewiesen sein werden. Umgekehrt werden durch die bevorstehenden realen Rentenkürzungen viele Menschen finanziell darauf angewiesen sein, bis weit über das 60. Lebensjahr weiterzuarbeiten, um sich ein adäquates Einkommensniveau im Alter zu sichern. Es wäre wünschenswert, wenn Altersnormen toleranter würden, ohne dass umgekehrt ein Zwang entsteht, über den Zeitpunkt hinaus zu arbeiten, den eine Person für sich als optimal für den Übergang in den Ruhestand sieht. Mit einem Blick in die Zukunft heißt dies, dass ein verlängertes Arbeitsleben unabhängig von Geschlechterunterschieden gesellschaftlich akzeptiert sein sollte.

 

Dieser Beitrag erschien ursprünglich auf Spanisch im Blog „Piedras de Papel“ der Internetzeitung elDiario.es.

06.01.2021

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Jonas Radl
David Ausserhofer

Jonas Radl ist Professor für Soziologie an der Universidad Carlos III in Madrid und Leiter der WZB-Forschungsgruppe Effort and Social Inequality.

Die Umfrage wurde von Jonas Radl gemeinsam mit Juan F. Fernández und Gema García-Albacete (beide ebenfalls Universidad Carlos III de Madrid) und Antonio M. Jaime-Castillo (Universidad Nacional de Educación a Distancia) unternommen.

Literatur

Brückner, Hannah/Mayer, Karl Ulrich: „De-Standardization of the Life Course: What It Might Mean? And If It Means Anything, Whether It Actually Took Place.“ In: Advances in Life Course Research, 2005, Jg. 9, S. 27-53.

Heisig, Jan Paul/Radl, Jonas: Einmal raus, für immer gezeichnet? Wie sich Arbeitsplatzverluste auf die finanzielle Lage älterer Beschäftigter auswirken. WZBrief Arbeit 22 | August 2019.

Hess, Moritz: „Erwartetes und gewünschtes Renteneintrittsalter in Deutschland“. In: Zeitschrift für Gerontologie und Geriatrie, 2018, Jg. 51, H. 1, S. 98-104.

Kohli, Martin: „The Institutionalization of the Life Course: Looking Back to Look Ahead“. In: Research in Human Development, 2007, Jg. 4, H. 3-4, S. 253-271.

Radl, Jonas: „Too Old to Work, or Too Young to Retire? The Pervasiveness of Age Norms in Western Europe“. In: Work, Employment & Society, 2012, Jg. 26, H. 5, S. 755-771.