Buchprojekte

Probleme und Spannungen des liberalen Skripts

Anfechtungen sind für den Liberalismus nichts Neues. Im Gegenteil: Kritik und Anfechtungen sind das Wesen der liberalen Politik. Konkurrierende Werte und Auffassungen darüber, was für eine Gesellschaft gut, wünschenswert und angemessen ist, führen zu ständigen Auseinandersetzungen innerhalb des Liberalismus. Darüber hinaus hat der Liberalismus schon immer mit alternativen Gesellschaftsmodellen um Relevanz und Dominanz konkurriert. Tatsächlich haben sich liberale Ideen und Institutionen durch Missbilligung und Widerstand − sowohl innerhalb als auch außerhalb liberaler Gesellschaften − fortentwickelt.

Doch die gegenwärtigen Auseinandersetzungen haben eine besondere Qualität erreicht. Sie lassen sich durch die Begriffe „Endogenität“ und „Polyphonie“ fassen. Erstens sind die gegenwärtigen Anfechtungen vielstimmig. Es ist eine unbekannte Vielfalt an Anfechtungen, mit denen liberale Ideen, Institutionen und Praktiken konfrontiert sind. Die Liste der Anfechtungen ist lang und wird von verschiedenen Anliegen angetrieben, die auf unterschiedliche Facetten des Liberalismus abzielen. Für einige von ihnen ist der Liberalismus zum Sündenbock für „postmoderne“ Werte geworden, für andere zum Produzenten ungerechtfertigter Ungleichheiten. Manche betrachten ihn als ineffektiv, für andere ist er eine Ideologie effektiver Herrschaft über die „Verdammten dieser Erde“ (Fanon 1966). Jedenfalls unterscheidet sich die gegenwärtige Konstellation der Auseinandersetzungen von früheren Perioden dadurch, dass es schwer ist, den Hauptkonkurrenten zu identifizieren. In der „zwanzigjährigen Krise“ (Carr 1939)  war der Faschismus zweifellos der Hauptkonkurrent, während des Kalten Krieges war es der Staatssozialismus. Heutzutage scheint keiner der Konkurrenten dominant zu sein. Ist die chinesische Version des technokratischen Autoritarismus der Hauptkonkurrent oder der autoritäre Populismus wie er in Russland, Indien und Ungarn an der Macht ist? Wird der Liberalismus in erster Linie von außen durch nicht-demokratische Staaten herausgefordert oder sind die unzähligen kritischen Bewegungen und systemfeindlichen Parteien von innen die eigentliche Gefahr?

Zum Zweiten wird die Krise des Liberalismus weitestgehend endogen versurachten Fehlentwicklungen zugeschrieben, die insbesondere nach der globalen Dominanz liberaler Ordnungen nach 1990 offenbar geworden sind. Insbesondere die Zeit nach 1990 erweist sich demnach als eine Ära der broken promises. Die liberalen Gesellschaften der Gegenwart sehen sich also weniger mit großen Systemkonkurrenten, als mit einem Vertrauensverlust in die Fähigkeit ihrer zentralen Institutionen konfrontiert, Lösungen für drängende gesellschaftliche Herausforderungen zu finden, die im Mittelpunkt der zentralen nationalen und internationalen Konflikte des frühen 21. Jahrhunderts stehen. Mehr noch: liberale Praktiken gelten gemeinhin als tiefere Ursache für einige der großen Krisendiskurse unserer Zeit. Man kann in diesem Sinne von (1) der Krise der Demokratie, (2) der Krise der Gleichheit, (3) der Krise des Universalismus und (4) der ökologischen Krise sprechen.

Laufende Buchprojekte:

Leviathan Sonderband: „Auseinandersetzungen über und in liberale(n) Ordnungen: Zur Kritik und Zukunft des liberalen Skripts“ (Working Title)

OUP: “Liberal Scripts in Asia: Autonomous Origins, Differences, Entangled Trajectories, Contradictions” (Working Title)